Dieser Artikel untersucht den sogenannten Kindertransport und ordnet seine Ursprünge in der Tschechoslowakei im Vergleich zu Deutschland und Österreich ein. Zudem soll er dazu beitragen, Geschichte und Erinnerung anhand der persönlichen Erfahrung von Eva Paddock besser zu verstehen.
Auch 88 Jahre nach den ersten Kindertransporten gibt es noch vieles, was wir nicht wissen. Im Jahr 2024, 85 Jahre nach den Ereignissen, habe ich die sogenannten Kindertransportlisten gefunden. Sie dokumentieren, wer die Kinder waren, woher sie kamen, wohin sie reisten und welche Erwachsenen sie auf ihrer Reise in die Sicherheit begleiteten.
Jahrzehntelang galten diese Listen als verloren. Tatsächlich lagen sie unbeachtet in zahlreichen Archiven und warteten darauf, entdeckt zu werden.Viele Überlebende wussten nichts von ihrer Existenz und können sich erst heute mit Dokumenten auseinandersetzen, die ihr Schicksal festhalten und ihre Rettung dokumentieren.
Erstmals können diese Listen im Zusammenhang mit Gedichten, Briefen, Akten, Tagebüchern und anderen Quellen analysiert werden. Dies trägt zu einem deutlich differenzierteren Verständnis des Kindertransports bei. Heute wird der Kindertransport vor allem als Rettungsaktion vor dem Holocaust verstanden. Zugleich war er jedoch auch eine unmittelbare Reaktion auf die zunehmende Gewalt gegen Juden, insbesondere auf Ereignisse wie die Kristallnacht im Jahr 1938.
Was war der Kindertransport?
Der Begriff Kindertransport bezeichnet zunächst die Rettungsaktionen nach Großbritannien in den Jahren 1938 bis 1940, bei denen überwiegend jüdische Kinder aus von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten (Deutschland, Österreich, die Tschechoslowakei, Polen und die Freie Stadt Danzig) in Sicherheit gebracht wurden. Gleichzeitig führten ähnliche Rettungsaktionen auch in andere Teile Europas, etwa in die Niederlande, nach Belgien, Frankreich, Skandinavien oder in die Schweiz. Im internationalen und historischen Kontext werden diese Menschen häufig als „die Kinder“ bezeichnet. Auch wenn dieser Begriff sie als Gruppe zusammenfasst, umfasst er doch Tausende individuelle Geschichten von Trennung, Vertreibung und Überleben.
Das Alter der geretteten Kinder reichte von Neugeborenen bis zu 18-Jährigen. Sie gelangten mit Zügen, Schiffen oder (seltener) mit Flugzeugen nach Großbritannien. Viele derjenigen, die mit dem Zug reisten, waren über zwei Tage unterwegs, während andere, die per Schiff ankamen, mehr als drei Tage benötigten.
Rund 10.000 jüdische Kinder wurden vor Beginn des Zweiten Weltkriegs nach Großbritannien in Sicherheit gebracht.
Nach ihrer Ankunft wurden sie unterschiedlich untergebracht. Manche verbrachten ihre Zeit in Heimen, auf Bauernhöfen oder in Internaten, während andere bei Gastfamilien lebten.

Quelle: Wikimedia Commons
Eine Krise nach der anderen: Großbritanniens Reaktion auf die Rettungsaktionen
Zum Zeitpunkt ihrer Flucht im Rahmen des Kindertransports hatten viele Kinder bereits sechs Jahre unter der nationalsozialistischen Verfolgung gelebt (1933–1938). Ihr Alltag war zunehmend von Diskriminierung und Ausgrenzung geprägt. Durch zunehmende Verbote, etwa den Ausschluss aus Kinos, Parks oder Schwimmbädern, konnten sie immer weniger am öffentlichen Leben teilnehmen.
Das Jahr 1938 brachte weitere dramatische Einschnitte. Viele jüdische Kinder in Österreich erlebten den „Anschluss“, während andere in der Tschechoslowakei die Sudetenkrise miterlebten und sahen, wie Gebiete und ganze Staaten von NS-Deutschland annektiert wurden. Im Oktober 1938 wurden im Zuge der sogenannten „Polenaktion“ Tausende jüdisch-polnische Familien aus Deutschland nach Polen vertrieben, darunter viele Kinder, die bereits vor dem Kindertransport Entwurzelung und Vertreibung erfahren mussten.
Ein Wendepunkt war die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. In der sogenannten Kristallnacht wurden Hunderte jüdische Geschäfte, Häuser und Synagogen verwüstet und zerstört. Die schockierenden Berichte und Bilder in britischen Zeitungen sorgten für große Empörung in der britischen Öffentlichkeit.
Innerhalb weniger Tage organisierten zahlreiche Organisationen und religiöse Gemeinden eine Petition an den britischen Premierminister Neville Chamberlain, in der sie ihn aufforderten, jüdische Flüchtlingskinder ohne ihre Eltern nach Großbritannien einreisen zu lassen.
Anfangs war die Reaktion zögerlich. Doch nach einer Diskussion mit dem Innenminister Samuel Hoare wurde die Petition akzeptiert. Daraufhin durften ehrenamtliche Organisationen solche Rettungsaktionen durchführen. Es gab keine Einreisequote; allerdings mussten diese Organisationen sämtliche Kosten selbst tragen sowie Unterkünfte und die weitere Versorgung der Kinder bereitstellen.
Die Vereinigten Staaten versuchten, mit dem „Wagner–Rogers Bill“ von 1939 eine ähnliche Initiative auf den Weg zu bringen. Dieser Gesetzentwurf sollte 20.000 jüdischen Flüchtlingskindern die Einreise in die USA ermöglichen, wurde jedoch sowohl vom United States House of Representatives als auch vom United States Senate abgelehnt. Dies erschwerte die Einwanderung jüdischer Kinder in die USA erheblich.
Wie erhielten die Kinder einen Platz auf einem Kindertransport? Wie bereiteten sie sich auf ihre Reise vor?
Alle Kinder benötigten die Zustimmung ihrer Eltern. Es war mit erheblichem bürokratischem Aufwand verbunden, einen Platz auf einem der Transporte zu erhalten. Dieser Prozess war oft sehr zeitaufwendig. Dennoch erhielten jüdische Organisationen Tausende Bewerbungen, deren Zahl die verfügbaren Plätze bei Weitem überstieg.
Bevor ein Kind die Reise antreten konnte, waren mehrere Voraussetzungen zu erfüllen: eine ärztliche Untersuchung, ein Identitätsnachweis in Form eines Passes sowie schulische und Verhaltenszeugnisse.
Es gab strikte Vorgaben, was ein Kind mitnehmen durfte. Jedes Kind durfte nur einen standardisierten Koffer und ein Handgepäckstück mitführen. Diese enthielten in der Regel persönliche Gegenstände wie Besteck, Taschentücher, Schreibzeug und Postkarten.
Größeres Gepäck durfte nur gegen zusätzliche Kosten von 5 Reichsmark (RM) mitgenommen werden. Außerdem durften die Kinder 1 RM für Verpflegung bei sich haben, da unterwegs teilweise Getränke verkauft wurden.

Quelle: Paměť národa / Ústav pro studium totalitních režimů
Ebenso galten strenge Verhaltensregeln: Nach dem Einsteigen mussten alle Kinder auf ihren Plätzen sitzen bleiben, Fenster durften nicht geöffnet werden und die Abteile mussten ordentlich bleiben.
Die Kosten der Reise mussten ausschließlich von den Eltern oder jüdischen Organisationen der jeweiligen Region getragen werden. Obwohl die Kosten je nach Herkunftsort variierten, zeigen Akten (insbesondere aus Österreich) die erheblichen finanziellen Belastungen der Transporte.
Eine frühe Schätzung des ersten Transports aus Wien zeigt beispielsweise, dass die gesamte Reise für ein Kind unter zehn Jahren 31,10 RM kostete (20,50 RM von Wien bis zur niederländischen Grenze, 3,70 RM von dort bis zum niederländischen Hafenort Hoek van Holland sowie 6,90 RM für die Fährüberfahrt nach Harwich in Großbritannien).
Das bedeutet, dass ein Transport von 492 Kindern in diesem Alter etwa 15.301,20 RM kostete. Für jüngere Kinder sank der Preis auf etwa 19,55 RM pro Kind (10,25 RM von Wien bis zur niederländischen Grenze, 2,40 RM bis nach Hoek van Holland und 6,90 RM für den letzten Abschnitt nach Großbritannien). Für 30 Kinder ergaben sich somit Gesamtkosten von 586,50 RM.
Insgesamt kostete der Transport von 522 Kindern etwa 15.887,70 RM. Dies entspricht heute ungefähr 78.000 £ (etwa 89.965,20 €).
Diese Zahlen weisen auf die erhebliche finanzielle Belastung hin, die ein solcher Transport für die Familien und Gemeinden bedeutete. Die Nationalsozialisten förderten einerseits die Ausreise jüdischer Kinder, behinderten sie jedoch gleichzeitig. Während sie viele jüdische Menschen zur Emigration drängten, verhängten sie zugleich strikte Ausgangs- und Bewegungsbeschränkungen, die bei Verstößen mit hohen Geldstrafen geahndet wurden.
Vor der Abfahrt erhielten die Eltern genaue Anweisungen darüber, was zu packen war und wann und wo das Treffen stattfinden sollte. Das Gepäck wurde üblicherweise vom Zoll kontrolliert, da die Kinder keine wertvollen Gegenstände wie Schmuck oder größere Geldbeträge mitnehmen durften. Gegenstände wie Kameras oder Musikinstrumente erforderten eine besondere Genehmigung.
Das Gepäck wurde bereits einen Tag vor der Abreise am Bahnhof abgegeben, und jedes Kind erhielt eine Identifikationsnummer (die sogenannte Kindertransportnummer). Diese Nummer musste mit der Kennzeichnung des Gepäcks übereinstimmen. Dieses System stellte sicher, dass jedes Kind eindeutig erfasst wurde, reduzierte jedoch zugleich jede Person auf eine Nummer im administrativen Prozess.
Zudem mussten die Eltern, Flüchtlingskomitees oder Gastfamilien bei einer Flüchtlingsorganisation in Großbritannien eine Kaution von 50£ hinterlegen. Diese Zahlung diente als Garantie dafür, dass das Kind das Land zu einem späteren Zeitpunkt wieder verlassen würde. Umgerechnet entsprechen 50 £ heute etwa 4.600 £ (ca. 5.305 €).
Der Kindertransport als temporäre Notlösung
Der Kindertransport stellte lediglich eine provisorische Lösung dar. Die Kinder sollten ursprünglich nicht dauerhaft in Großbritannien bleiben. Stattdessen war vorgesehen, dass sie später in anderen europäischen Ländern wieder mit ihren Eltern vereint würden.
In den meisten Fällen wurde diese Hoffnung jedoch nie Realität. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden viele Grenzen geschlossen, Flüchtlingskorridore verschwanden und zahlreiche Eltern blieben auf dem europäischen Festland gefangen.
Beim Abschied wurden die Eltern aufgefordert, sich ruhig zu verhalten. Es wurde weder gewunken noch gerufen, um keine Aufregung zu erzeugen und die Ordnung zu bewahren.
Die emotionale Realität sah jedoch anders aus. Für viele Kinder bedeutete dieser Abschied die Trennung von ihren Eltern und Familien sowie die Angst vor dem Unbekannten. Gleichzeitig empfanden sie eine gewisse Vorfreude auf die große, weite Welt und Erleichterung darüber, den Gefahren in ihren Heimatländern zu entkommen.
Für die Eltern war dieser Abschied hingegen oft nahezu unerträglich. Tränen und Versprechen eines Wiedersehens prägten das Bild an den Bahnhöfen. Doch in den allermeisten Fällen wurden diese Versprechen nie erfüllt.
Ursachen und Grenzen des Kindertransports: Aufnahmebereitschaft und Begrenzung in Großbritannien
Gespräche über eine größere Rettungsaktion für jüdische Kinder vor den Nationalsozialisten wurden in Großbritannien bereits vor der Kristallnacht geführt.
Die brutalen antisemitischen Angriffe der Kristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 stellten einen schockierenden Wendepunkt dar. Die Notwendigkeit zu reagieren wurde immer deutlicher, insbesondere nachdem zahlreiche jüdische Jungen und Jugendliche verhaftet und in Konzentrationslager wie Dachau deportiert worden waren.
Großbritannien reagierte schnell. Innerhalb eines Monats, am 2. Dezember 1938, erreichte der erste Kindertransport aus Berlin Großbritannien. Kurz darauf, am 8. Dezember, entschied das britische Parlament, bis zu 50.000 weitere Kinder aufzunehmen. Aufgrund begrenzter finanzieller Mittel und Unterbringungsmöglichkeiten wurde diese Zahl jedoch schließlich auf etwa 10.000 reduziert.
Im Juli 1939 berichtete das britische Flüchtlingskomitee von einer sich zunehmend verschlechternden Lage, insbesondere in Mitteleuropa, entschied jedoch, dass dies kein Grund sei, die Rettungsaktionen weiter auszubreiten. Daher wurden die Kindertransporte nicht über die Tschechoslowakei hinaus nach Osten ausgeweitet.
Dies verdeutlicht sowohl die Dringlichkeit als auch die Grenzen der Initiative. Während Tausende Kinder gerettet wurden, mussten viele andere, insbesondere in Osteuropa, zurückgelassen werden.
Was waren die tschechoslowakischen Kindertransporte?
Zwischen März und August 1939 verließen acht Kindertransporte die tschechische Hauptstadt Prag und machten sich auf den Weg nach Großbritannien. Mit Zug und Fähre traf der erste Kindertransport am 14. März 1939 in Großbritannien ein, einen Tag vor der Besetzung der Tschechoslowakei durch das nationalsozialistische Deutschland.
Bis zu diesem Zeitpunkt beschränkten sich die Rettungsaktionen hauptsächlich auf Deutschland und Österreich. Die sich zunehmend verschlechternde Lage verdeutlichte jedoch die Dringlichkeit der Situation. Persönlichkeiten wie Nicholas Winton, Trevor Chadwick, Doreen Warriner und Marie Schmolka setzten sich daher für die Rettung von Kindern aus den tschechoslowakischen Gebieten ein.
- Trevor Chadwick (1907–1979):
Er war ein britischer Lehrer und spielte eine zentrale Rolle bei der Rettungsaktion in Prag. Er beschaffte die notwendigen Dokumente und Pässe für die Flüchtlingskinder.
- Doreen Warriner (1904–1972):
Sie war eine britische Wirtschaftswissenschaftlerin, die bereits 1938 frühere Rettungsaktionen aus Prag organisierte. Ihre Pläne dienten als Inspiration für spätere Flüchtlingsaktionen.
- Marie Schmolka (1893–1942):
Sie war eine tschechische Jüdin, die humanitäre Hilfe sowie die Emigration von Juden aus nationalsozialistischen Gebieten vor und während des Zweiten Weltkriegs koordinierte.
Nach März 1939 wurden diese Initiativen verstärkt. Viele Eltern in der Tschechoslowakei wussten von den Entwicklungen in Deutschland und Österreich und sahen sich mit wachsender Unsicherheit konfrontiert. Viele trafen die schwere Entscheidung, ihre Kinder in die Hände von Fremden zu geben.
Es war eine Hoffnung im Ungewissen – das Vertrauen darauf, dass Distanz, so schmerzhaft sie auch war, Schutz bieten würde.
Die Flucht vieler politischer Flüchtlinge schärfte zunehmend das Bewusstsein für den Ernst der Lage – eine Befürchtung, die schon bald Realität werden sollte.
Waren die Transporte aus Prag Teil des Kindertransports?
Bis vor Kurzem war noch unklar, ob die Transporte der tschechoslowakischen Kinder im Jahr 1939 Teil des Kindertransports waren. Die Liste, die ich in Yad Vashem gefunden habe, bestätigt nun, dass die Kinder tatsächlich Teil einer größeren Rettungsaktion waren. Diese Entdeckung widerspricht dem Narrativ, dass Sir Nicholas Winton ausschließlich separate und eigenständige Rettungsaktionen organisierte.
Tatsächlich wurden einige der Transporte aus Prag in das größere Netzwerk des Kindertransports integriert, etwa durch die Durchreise über Wien, wo weitere Kinder aufgenommen wurden. Heute spiegelt sich diese Geschichte in einem gemeinsamen Netzwerk von Denkmälern und Erinnerungsinitiativen wider, das Großbritannien, die Slowakei, Tschechien und andere Länder miteinander verbindet.
Denkmäler des Kindertransports befinden sich beispielsweise am Praha hlavní nádraží und in London. Die Überlebenden selbst trugen maßgeblich dazu bei, die grenzüberschreitende Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten. Die neu identifizierten Listen haben außerdem geholfen, historische Unklarheiten – etwa die genaue Zahl der geretteten tschechoslowakischen Kinder – aufzuklären.
Vor dem Fund der Liste wurde die Zahl der geretteten Kinder auf 669 geschätzt. Die Liste verzeichnet jedoch 679 Kinder. Gleichzeitig dokumentierte Sir Nicholas Winton selbst nur 612 Kinder. Die Entdeckung der Liste ermöglicht es nun erstmals, eine genauere Zahl der geretteten Kinder zu verifizieren.
Evas Geschichte: Wie sie erstmals von den Listen des Kindertransports erfuhr
2026 gelang es mir, Eva Paddock (geb. Fleischmann) und ihrer Schwester Milena die wiederentdeckte Liste des Kindertransports zu zeigen. Die beiden hatten dieses Dokument zuvor nie gesehen und erfuhren zum ersten Mal, dass sie auf zwei unterschiedlichen Transportlisten verzeichnet waren. Diese Erkenntnis kam 87 Jahre nach ihrer Rettung.
Auch wenn Evas Geschichte viele Gemeinsamkeiten mit den Erfahrungen anderer geretteter Kinder aufweist, bleibt sie dennoch ihre eigene. Mit nur drei Jahren gehörte sie zu den jüngsten Kindern, die sich auf diese Reise begaben. Ihre Schwester Milena, damals fast zehn Jahre alt, übernahm während der gesamten Reise die Verantwortung für Eva.
Beide sollten am 19. Juli 1939 mit dem siebten Transport von Prag nach Großbritannien reisen. Die Ankunft war für den folgenden Tag, den 20. Juli, vorgesehen. Die genaue Zahl der Kinder auf diesem Transport ist bis heute unklar. Zwar wurden 91 Kinder registriert, doch vorhandene Nachweise deuten darauf hin, dass möglicherweise nur 76 Kinder tatsächlich in Großbritannien ankamen.
Die sogenannte Nicholas-Winton-Liste, die heute auch online zugänglich ist, weist Unterschiede zu den Dokumenten des Kindertransports sowie zur Korrespondenz der niederländischen Grenzbehörden auf. In einigen Fällen – darunter auch bei Eva und Milena – scheinen Namen nachträglich gestrichen oder verändert worden zu sein. Dies deutet darauf hin, dass kurzfristige Änderungen an den Transportlisten vorgenommen wurden.
Ein Brief des niederländischen Grenzkomitees sowie Unterlagen der Grenzkontrolle weisen darauf hin, dass der Transport 81 Kinder mit sich führte. Diese sollten um 16:51 Uhr die niederländische Grenze bei Oldenzaal erreicht haben und von dort aus die Fähre Prague, englisch für Prag, nach Großbritannien nehmen.
Die Fähre transportierte neben 87 Tonnen Fracht und 229 Postsäcken auch 187 Passagiere, darunter 77 Flüchtlingskinder. Sie erreichte den Hafen von Harwich am 20. Juli 1939 um 5:40 Uhr morgens.
Letztlich verließen Milena und Eva Prag jedoch nicht wie ursprünglich geplant mit dem siebten Transport, sondern mit dem letzten, der am 1. August 1939 aus Prag abfahren sollte. Für den ursprünglich vorgesehenen Transport wurden ihnen die Nummern 548 (Eva) und 549 (Milena) zugeteilt. Auf jenem Transport jedoch, der ihnen letztlich das Leben rettete, erhielten sie die Nummern 639 und 641.
Im Gesamtkontext der Kindertransporte waren sie vermutlich die Nummern 8654 und 8655. Genauere Gesamtzahlen der Kindertransporte liegen bis heute nicht vor. Die Liste ihres Transports weist 76 Kinder aus, während die niederländischen Unterlagen lediglich 75 Kinder dokumentieren.
Die Reise scheint denselben Weg genommen zu haben wie frühere Transporte und erreichte Oldenzaal ebenfalls um 16:51 Uhr. Am selben Tag überquerte ein weiterer Kindertransport aus Deutschland mit 71 Kindern die niederländische Grenze.
Beide Gruppen trafen sich in der Hafenstadt Hoek van Holland und bestiegen dort die Fähre Vienna, benannt nach der englischen Bezeichnung für Wien, nach Großbritannien. Die Protokolle der Fähre verdeutlichen das Ausmaß dieser Reise: 87 Tonnen Fracht, 155 Briefsäcke und 236 Passagiere, darunter 137 Flüchtlingskinder.
Eva und Milena erreichten Harwich am 2. August 1939 um 7:55 Uhr, nur einen Monat vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs.
Gemeinsam mit Eva notiert: Die Schicksale der anderen Kinder
Neben den Namen Milena und Eva waren auf den Listen der Kindertransporte auch die Namen zweier Brüder verzeichnet: Hans und Ludwig Immergut. Tatsächlich tauchen beide Namen auf drei verschiedenen Kindertransportlisten auf. Obwohl sie einen sicheren Platz auf einem Transport hatten, gelang ihnen die Flucht nicht.
Im Jahr 1942 wurden Hans und Ludwig in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Von dort aus wurden sie in das Warschauer Ghetto gebracht, wo sie ums Leben kamen. Heute sind ihre Namen auf der Gedenkstätte für die Kinder der Konzentrationslager von Theresienstadt verzeichnet.
Ihre Geschichte steht in starkem Kontrast zu jener von Eva und Milena. Auch sie sollten die Reise nach Großbritannien antreten und ihre Kindheit in Sicherheit verbringen. Doch diese Chance wurde ihnen auf tragische Weise genommen.
Eva und Milena erreichten beide Großbritannien. Ihr Überleben bedeutete jedoch nicht automatisch das Ende von Not und Unsicherheit, sondern vielmehr den Beginn weiterer erheblicher Herausforderungen.
Das Leben in Großbritannien: Anderes Land, andere Sitten
In Großbritannien mussten sich Eva und Milena an ein völlig neues Leben gewöhnen. Sie wurden von der Familie Radcliffe als Pflegekinder aufgenommen und mussten sich schrittweise an eine fremde Kultur, Sprache und neue Essgewohnheiten anpassen. Milena erinnert sich an etwas Kleines, aber dennoch aussagekräftiges: den Geschmack des Brotes, der sich deutlich von jenem unterschied, den sie aus der Tschechoslowakei kannten.

Quelle: Eva Paddock
Im Gegensatz zu vielen Geschwisterkindern, die nach ihrer Ankunft in England voneinander getrennt wurden, blieben Milena und Eva zusammen. Dies vermittelte ihnen zumindest ein gewisses Gefühl von Beständigkeit. Durch das gemeinsame Sprechen auf Tschechisch konnten sie einen Teil ihrer Kultur und Identität bewahren. Milena durfte zudem eine tschechische Schule besuchen, die von der tschechoslowakischen Exilregierung für Flüchtlingskinder in England gegründet worden war.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die beiden Schwestern, wie viele andere Kinder auch, im Rahmen der Aktion „Operation Pied Piper“ wegen der Luftangriffe aufs Land evakuiert. Für viele bedeutete dies eine zweite Flucht. Zahlreiche Kinder verloren gemeinsam mit ihren Familien während der Bombenangriffe auf britische Städte ihr Leben.
Viele Flüchtlinge wurden zudem als „feindliche Ausländer“ eingestuft. Aufgrund dieser Klassifizierung mussten sich viele bei der Polizei registrieren lassen und unterlagen verschiedenen Einschränkungen. Manche wurden sogar verhaftet und in Internierungslager nach Kanada oder Australien gebracht. Einige von ihnen wurden später als „befreundete Ausländer“ wieder freigelassen, doch das Misstrauen gegenüber ihnen blieb bestehen.
Viele Flüchtlingskinder mussten sich außerdem mit antisemitischen Beleidigungen und Diskriminierung an britischen Schulen auseinandersetzen. Als der Krieg länger andauerte und die Kinder älter wurden, entschieden sich zahlreiche von ihnen, ihre Herkunftsländer und die alliierten Streitkräfte zu unterstützen. Viele schlossen sich den alliierten Streitkräften oder den Streitkräften ihrer Herkunftsländer an und dienten an verschiedenen Fronten. Mehr als 30 ehemalige Kinder des Kindertransports verloren dabei ihr Leben. Manche nahmen an der Landung in der Normandie am D-Day teil, während andere bei der Befreiung von Konzentrationslagern mitwirkten. Nach dem Krieg wurden zahlreiche von ihnen als Übersetzer bei Kriegsverbrecherprozessen eingesetzt.
Die Nachkriegszeit und das Vermächtnis des Kindertransports.
Nach dem Krieg kehrten einige Kinder in ihre Heimatländer zurück. In den meisten Fällen hatten ihre Eltern den Holocaust jedoch nicht überlebt.
Evas Geschichte ist in dieser Hinsicht besonders: Beide ihrer Eltern überlebten den Krieg. Während ihr Vater durch seine politischen Beziehungen die Flucht seiner Kinder ermöglichen konnte, wählte ihre Mutter den ungewöhnlichen Fluchtweg über Norwegen.
Wie viele andere Kinder sprach Eva in den ersten Jahren nur selten über ihre Erfahrungen im Kindertransport. Sie versuchte, sich ein neues Leben aufzubauen, und die Erinnerungen an die Vergangenheit waren schmerzhaft. Irgendwann entschied sie sich jedoch, sich diesen Erinnerungen zu stellen. Die Antwort ihrer Mutter auf die Frage, wie es gewesen sei, sie auf den Kindertransport zu schicken, war herzzerreißend: Es habe sich angefühlt, als würde sie sterben.
Heute ermutigt Eva andere Menschen, ihre eigene Vergangenheit zu „entknoten“ und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Sie hat zudem ihre jüdische Identität wiedergefunden und engagiert sich aktiv für die Erinnerung an die Kindertransporte. Gemeinsam mit ihrer Schwester kehrte sie nach Prag zurück. Dort sprachen beide öffentlich über ihre Geschichte und beteiligten sich an Gedenkveranstaltungen und Erinnerungsinitiativen.
Ihre Geschichte ist nicht nur eine Geschichte des Überlebens, sondern auch des Erinnerns. Durch ihr Engagement wurden Eva und Milena selbst zu einem Teil des Vermächtnisses der Kindertransporte. Sie tragen dazu bei, dass nicht nur an diese Geschichte erinnert wird, sondern dass sie auch verstanden wird.
Zusammenfassung
Dieser Artikel beschreibt die Geschichte der tschechoslowakischen Kindertransporte (1938-1940) im größeren historischen Kontext und beleuchtet zugleich die individuelle Geschichte von Eva Paddock, die als Kind gerettet wurde.
Jahrzehnte später rückte die Geschichte der Kindertransporte durch die Fernsehserie „That’s Life!“ mit Esther Rantzen erneut in das öffentliche Bewusstsein. Durch diese Sendung wurden die Bemühungen von Nicholas Winton einer breiten Öffentlichkeit bekannt und Milena erhielt die Möglichkeit, den Mann kennenzulernen, der ihr das Leben gerettet hatte. Auch Eva durfte ihn später kennenlernen.
Erst 87 Jahre nach ihrer Rettung, im Jahr 2026, konnten die Schwestern zum ersten Mal ihre Kindertransportlisten einsehen. Ihre Geschichte setzt sich bis heute fort – nicht nur durch die Weitergabe ihrer Erinnerungen, sondern auch durch neue Funde, Dokumente und Entdeckungen.
Die Geschichte der Kindertransporte ist noch nicht abgeschlossen. Sie bleibt ein aktives Forschungsfeld, das durch Erinnerungen, Dokumente und die Erfahrungen der Überlebenden geprägt wird. Jede neue Quelle trägt dazu bei, das Verständnis dieser Rettungsaktion und der Schicksale der betroffenen Kinder zu vertiefen.
